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Portrait S. BongartzMein Name ist Sabine Bongartz, ich bin 51 Jahre alt, verheiratet und habe einen fünzehnjährigen Sohn, bei dem im Dezember 2009 ADHS  diagnostiziert wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon einige Jahre mit der Problematik "Verhaltensauffälligkeit" beschäftigt. Das Thema ADHS kam bereits auf den Tisch als Maximilian 4 Jahre alt war, wurde dann aber (leider) wieder verworfen.

Im Kindergarten zeigte er zwar ein zu anderen Kindern etwas abweichendes und durchaus auffälliges Verhalten, aber aufgrund der Struktur des Kindergartens (streng, sehr reglementiert, durchorganisiert) und der netten, aber strengen Erzieherinnen, kam es nicht zu größeren Problemen. Zu Hause lief es auch einigermaßen (!!), da wir eher nicht zur antiautoritären Erziehung tendierten und versuchten ihm Werte und Regeln zu vermitteln.

Machtlos und erschöpft!

Wir haben unseren Sohn immer als sehr anstrengend empfunden und im Alltag mit ihm gab es jeden Tag und immer aufs Neue Situationen in denen wir uns fragten, was wir falsch machen und warum Maximilian extreme Schwierigkeiten hatte sich an Regeln zu halten. Sehr früh fiel mir auf, dass er nicht aus seine Fehlern lernte d.h. er verstiess immer wieder gegen die gleichen Regeln oder missachtete Gebote, erhielt eine Strafe oder tat sich weh, und zeigte kurz danach das gleiche Verhalten. Er benutzte früh Schimpfworte, er zeigte sehr aggressives Verhalten, oft auch gegen mich, provozierte permanent, verletzte mit Worten, hatte Probleme im Umgang mit anderen Kindern, konnte nicht ruhig sitzen, konnte keine Aufmerksamkeit aufbringen, und, und, und.....

Nach einem anstrengenden Tag mit ihm, wünschte ich mir oft am Abend meine Ruhe. Doch dann kam irgendwann die Phase, dass Maximilian gerade abends, wenn auch er zur Ruhe kommen sollte, nicht einschlafen konnte und viel zu verarbeiten hatte, Angst hatte usw. D.h. auch dann hatte ich keine Ruhe und konnte nicht aufatmen.

Sehr geholfen haben uns immer meine Eltern, die ihn einmal in der Woche regelmäßig und auch in anderen Fällen betreuen, meine Freundin und meine Cousine, die auch in Notfällen einsprangen. Dies sind alles Menschen, die unseren Sohn so nehmen wie er ist, ihm Grenzen setzen und deshalb mit ihm klarkommen.

Wie bloß die Schule schaffen?

Mit dem Eintritt in die Grundschule begann die eigentliche Misere. Leider fiel unsere Wahl auf eine Montessori-Schule, die, wie sich leider rausstellte, weder Verständnis für schwierige Kinder noch irgendeine Form der Zusammenarbeit zeigte. Man bevorzugte dort "nette" Kinder mit angepasstem Verhalten. Alles andere wollte man nicht in dieser „Heile-Welt-Pädagogik“.

Maximilian erhielt zu Beginn des zweiten Schuljahres im Alter von sieben Jahren einen zweiwöchigen Unterrichtsausschluß (das ist die Höchstdauer zum Ausschluß) sowie die Kündigung der Schulbetreuung und das von heute auf morgen. Maximilian war absolut geschockt, er zeigte Depressionsverhalten, wollte niemanden mehr sehen, konnte keine größeren Menschenmengen ertragen, war extrem aggressiv und, und, und..... Wir als Eltern litten natürlich mit ihm. Kein Lehrer oder Erzieher aus der Schule erklärte ihm die Situation, eine Versorgung mit Unterrichtsstoff wurde nicht ausreichend gewährleistet. Seine ohnehin schwachen Leistungen - hervorgerufen durch seine mangelnde Konzentration - wurden durch das Unterrichtsversäumnis dramatisch verstärkt. Eine Versetzungsgefährdung sowie unser akutes Betreuungsproblem interessierte diese Schule nicht.

Wir suchten umgehend eine neue Schule in Hilden und er wurde nach diesen furchtbaren zwei Wochen zu Hause in der Grundschule am Kalstert aufgenommen. Maxi wurde in die erste Klasse zurückversetzt, da es mittlerweile unmöglich für ihn war, den Anschluß an die zweite Klasse zu finden bzw. zu halten. Sein depressives Verhalten hielt noch mehrere Wochen weiter an, aber die Eingliederung in der Schule, ging ganz gut vonstatten. Seine Klassenlehrein gab sich zunächst viel Mühe. Weiterhin gab es aber permanente Schwierigkeiten im Sozialverhalten mit anderen Kindern an der neuen Schule und dem Befolgen von Regeln. Die Leistungen waren immer noch nicht ausreichend.

Gegen Mitte des zweiten Schuljahres an der neuen Schule boykottierte Maximilian alles was mit Schule zu tun hatte aufs Heftigste, alles drehte sich bei uns nur noch um das Thema Schule. Die Beschwerden wegen seines Sozialverhaltens häuften sich, seine Konzentrationsspanne reichte kaum aus um einen kleinen Teil der Hausaufgaben zu machen, geschweige denn, dem Unterricht zu folgen. Er empfand die Schule nur noch als Druck und Qual, hatte oft Bauchschmerzen, fühlte sich krank, blieb oft zu Hause. Seine Klassenlehrerin informierte uns, dass sie bei diesen Leistungen keine Chance sähe, ihn in die nächste Klasse zu versetzen.

Eine Begutachtung durch Förderschulpädagogen stand spätestens am Ende des zweiten Schujahres an und bedeutete ggfs. einen Wechsel auf eine Förderschule (für lernbehinderte oder für psychisch und emotional gestörte Kinder). Wir schauten uns Förderschulen in Hilden an, um zu wissen , was das überhaupt bedeutet auf eine Förderschule zu gehen. Wir waren so weit auch diesen Schritt zu gehen......

 

Eine schwere Entscheidung!

Als uns Maximilian´s Lehrerin mitteilte, dass er nur noch depressiv und traurig in der Klasse rumsäße und gar nichts mehr täte, mussten wir reagieren. Maxi hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Tests in einer fachpsychiatrischen Kinderpraxis absolviert und es wurde die Diagnose ADHS gestellt. Seit Mitte Dezember 2009 erhält er Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin etc.).

Für uns als Eltern war diese Entscheidung entsetzlich und furchtbar traurig. Ich weiß noch, daß ich weinend mit dem Rezept aus der Praxis ging. Die erste Woche mit diesem Medikament war schlimm. Maxi hatte starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Bauchschmerzen. Wir waren drauf und dran das Medikament abzusetzen. Leider habe ich erst später erfahren, dass Maxi bei langsamerer Aufdosierung weniger akute Nebenwirkungen gehabt hätte. Ein nicht zu akzeptierender Fehler des behandelnden Psychiaters......

 

Es wurde endlich besser!

Letztendlich war aber auch die positive Wirkung umgehend zu beobachten !!! Als Maxi das erste Mal "sofort" auf eine Frage von mir reagierte ohne auf "Durchzug" zu stellen, war ich zutiefst berührt.

Maxi ist seitdem zugänglicher und umgänglicher , er hört was man ihm sagt, es kommt etwas an. Er ist nicht mehr so aggressiv, er kann besser mit anderen Menschen umgehen, er ist freundlicher, kann sich besser strukturieren, sich organisieren. Sein Konzentrationsvermögen kommt endlich zutage. Er hat nun eine relativ normale Konzentrationsspanne und kann zeigen was er kann. Er ist in der Lage Lob annehmen und er erhält nun auch viel Lob, da alles viel besser klappt. Seine schulischen Leistungen sind viel besser geworden, er bekommt nun mittelmässige Noten. Seine Lehrerin ist begeistert und freut sich mit uns. Die Versetzung ist nicht mehr gefährdet. Zu Hause ist alles viel friedlicher geworden und entspannter. Wir atmen einfach mal auf. Für uns sind die Medikamente mit Methylphenidat sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluß, aber zumindest eine zeitweise Hilfe, da es im Moment keine andere Möglichkeit gibt. Das Leben mit einem AD(H)S-ler wird nie problemlos sein, soviel ist sicher..........Es gibt noch viel zu tun !!!! In den schulischen Leistungen geht es leider auf und ab. Auch hat er kaum Motivation in die Schule zu gehen. Er empfindet Schule und Hausaufgaben als extrem anstrengend. Die Entscheidung betr. weiterführende Schule war z.B. sehr schwierig.

Sicherlich hat es und wird es auch immer wieder Rückschläge geben, da die Dosierung der Medikamente ein enge Gratwanderung ist. Nach einem Monat Medikamenteneneinnahme Anfang des Jahres 2010 musste die Dosis erhöht werden. Nach weiteren sieben Monaten wurde sie etwas gesenkt, was dazu führte, dass sein Verhalten wieder provokativer wurde und sein Konzentrationsvermögen nach den Sommerferien gleich Null war. Ich war entsetzt und traurig zugleich zu sehen was 5 mg Wirkstoff sowie etwaige andere Dinge wie z.B. Rhytmuswechsel des Schlafens usw. ausmachen können. Ich habe daraus gelernt, dass er sehr wichtig ist, sein Kind genau zu beobachten und auch die Beobachtungen anderer Personen (z.B. Lehrer) einzubeziehen. Letztendlich ist es ein ausprobieren und abwägen, um die richtige Abstimmung der Medikamente zu finden. Einen kompletten Auslassversuch haben wir nun das erste Mal im April 2012 in den Osterferien durchgeführt. Es war sehr, sehr anstrengend für meinen Mann und mich.

Ich stehe den Medikamenten weiterhin kritisch gegenüber speziell in Bezug auf die möglichen Langzeitnebenwirkungen. Ich denke, das sollte man nicht vergessen und auch nicht runterspielen lassen durch die Pharmaindustrie und die Schulmediziner. Unser Sohn wird regelmäßig untersucht, damit wir sofort reagieren können, falls ein Medikament Schäden verursachen sollte. Maximilian erhielt außerdem phasenweise Ergotherapie (teilweise mit Neurofeedbacktraining). Einen Psychotherapieplatz haben wir nach einjähriger Wartezeit erhalten. Da muss man hartnäckig dranbleiben. In dieser Hinsicht gibt es enormen Bedarf und die Plätze reichen nicht aus. Unser Psychotherapeut Herr Hendel in Leverkusen hatte einen guten Zugang zu Maxi und ich hatte auch starkes Vertrauen zu ihm. Die Therapie ist nach 1,5 Jahren nun beendet. Auf meine Bemühungen hin hatten wir dann auch einige Zeit eine Familienhelferin (Frau Flocke aus Solingen), die uns Tipps gab für den täglichen Umgang zu Hause und für die Hausaufgaben. Wir haben teilweise mit Punkteplänen, Belohnungsgutscheinen etc. gearbeitet. Leider klappte bei Maxi vieles nach einiger Zeit nicht mehr und wir mussten uns neu orientieren. Bei jedem Konzept ist es jedoch wichtig nicht nur das Kind zu "behandeln", sondern die ganze Familie einzubeziehen. Gefragt ist auch immer wieder das persönliche Gefühl d.h. man muss sich auf sein inneres Gefühl verlassen. Leider arbeitete die Grundschule nicht durchgehend mit und ich war immer wieder enttäuscht, dass hier sogar teilweise boykottiert wurde z.B. wurde die Beobachtung von Maximilian im Unterricht erst nach mehreren Anfragen "erlaubt". Ich kann dies nicht nachvollziehen, da ich ernsthaft Hilfe für meinen Sohn suchte. Auch hier ist viel Durchsetzungsvermögen erforderlich und ich bin froh, daß unsere Erziehungshelferin uns hierin unterstützt hat.

Im September 2012 sind wir als Familie nach Oberbayern umgezogen, da die Landschaft in Süddeutschland ein wesentlich besseres Lebensgefühl bietet. Wir leben nun auf einem sehr ländlich mit vielen Tieren und fühlen uns echt wohl. Maximilian hat sich gut in der weiterführenden Schule eingelebt. Die Lehrer an dieser Schule (Hauptschule) sind sehr kooperativ und offen für die Problematik ADHS. Die Versorgung über Ärzte und Jugendamt ist sehr zufriedenstellend. Ich habe die Selbsthilfegruppe in Hilden zunächst weiergeführt, da mir dies am Herzen lag und ich sowieso regelmäßig beruflich nach Hilden gefahren bin. Da ich nun mein Steuerbüro in Hilden aufgegeben habe, kann ich die Selbsthilfegruppe nicht mehr weiterführen.

Vor der Behandlung mit Methylphenidat haben wir bereits zahlreiche alternative Heilbehandlungen wahrgenommen und uns viele Informationen etc. eingeholt. Ich hatte viele Kontakte zu Heilpraktikern, Homöopathen, Heilpraktikern Psychotherapie, Psychotherapeuten, Kinderärzten, Allgemeinmedizinern, Ergotherapeuten, Osteopathen etc. Über die Vorgehensweisen und die gemachten Erfahrungen berichte ich in der Rubrik „Alternative Behandlungsmöglichkeiten“.

Auch die positiven Seiten sehen!

Nicht zuletzt möchte ich noch anmerkenn, dass trotz der zahlreichen Schwierigkeiten im Verhalten unseres Sohnes auch viele positive Seiten bei AD(H)S-Kindern zu sehen sind. Dies sollte man niemals vergessen. AD(H)S-ler sind schon besondere Menschen, die Stärken besitzen, die ihnen auch zu Gute kommen werden, wenn die richtige Förderung erfolgt und sie ihre Nische z.B. im Berufsleben finden. Es gibt und gab viele bekannte und große Persönlichkeiten unter Politikern, Künstlern, Naturwissenschaftlern etc., die von dieser Problematik betroffen sind oder waren. Auch diese Menschen hatten es nicht immer leicht und sie haben doch letztendlich Erfolg gefunden und führen ein positives Leben.

Mein Wunsch öffentlich "aktiv" zu werden.

Die Gründung der AD(H)S-Selbsthilfegruppe Hilden (bei Düsseldorf) lag mir sehr am Herzen, da ich es für wichtig halte, Erfahrungen und Informationen auszutauschen. Viele Eltern sind hilflos und wissen nicht mehr weiter. Das muss nicht so sein. Es gibt immer einen Weg und der wird leichter, wenn man Unterstützung bekommt.

Gerne können Sie mich auch jederzeit persönlich kontaktieren.

Ihre Sabine Bongartz