FUVIGLM09

Historie

PDFDruckenE-Mail

Ja, ja, die “gute, alte Zeit ” :
Früher war alles besser, schöner und einfacher...

Das mag zwar je nach Thema und Betrachtungsweise durchaus richtig sein - aber ADHS gab es auch früher schon. Man hat es eben nur noch nicht gewusst oder es gar nach modernen Gesichtspunkten erforschen können. Und nur weil früher ein Krankheitbild oder eine Störung noch nicht bekannt war, muss das nicht bedeuten, es hätte sie nicht gegeben. Das ADHS eben kein "neumodischer Kram" oder eine "Modediagnose" ist, soll die folgende "Zeitreise" über fast 200 Jahre belegen :

1808 beschreibt der Leibarzt von Napoleon I. - Dr. Haslam - ein "moralisch krankes Kind, Sklave seiner Leidenschaften, Schrecken der Schule, Qual der Familie, Plage der Umgebung..."

1844 wurde "Der Struwwelpeter" des Frankfurter Nervenarztes Heinrich Hoffmann geschrieben.
Die Geschichte vom "Zappelphillipp", des "Hans-guck-in-die-Luft" oder vom "Bösen Friederich" schildern recht detailgetreu einige der wichtigsten Symptome einer ADHS und verhalfen der Störung zu ihrer heutigen, volksmündlichen Bezeichnung : "Zappelphillipp-Syndrom" Die Behauptung, die Fälle wären Hoffmann in seiner eigenen Praxis begegnet, kann jedoch nicht völlig stimmen. Hoffmann war 1844 lediglich praktischer Arzt und Geburtshelfer und kam erst um 1852 zur Nervenheilkunde und Psychiatrie. Möglicherweise könnte aber Hoffmann selbst von ADHS betroffen gewesen sein. Entsprechende Hinweise ergeben sich aus seiner Biographie, sowie auch Zitate aus seinen Memoiren, z.B. : "Zerstreut, vergesslich, flüchtig, wie ich war, blieb nichts bei mir haften, alles verflüchtigte sich." [vgl. Q9]

1845 bezeichnet der Berliner Psychiater Wilhelm Griesinger das Gehirn als "psychisches Organ" und die Störungen seiner Funktion als "psychische Krankheiten".
Nach Griesingers Auffassung leiden Kinder "die keinen Augenblick Ruhe halten (...) und gar keine Aufmerksamkeit zeigen" an einer "nervösen Konstitution" und unter einer “gestörten Reaktion des Zentralorgans auf die einwirkenden Reize."

1859 führt ein "Gegner" der Gehirnpathologie - der Breslauer Heinrich Neumann - die Hyperaktivität auf eine vorschnelle Entwicklung zurück, welche er als "Hypermetamorphose" bezeichnet.
"Solche Kinder haben etwas Ruheloses, sie sind in ewiger Bewegung, höchst flüchtig in ihren Neigungen, unstet in ihren Bewegungen, schwer zum Sitzen zu bringen, langsam in der Erlernung des Positiven, aber oft blendend durch rasche und dreiste Antworten." Weiter kommt Neumann zu dem Schluss : "Eitle Mütter würden diesen Zustand als geistreich, besorgte Mütter als aufgeregt bezeichnen."

1867 rechnet der englische Kinderpsychiater Henry Maudsley unruhige, hyperaktive Kinder zur Krankheitsgruppe des "affektiven oder moralischen Irreseins"

1878 denkt sein deutscher Kollege Hermann Emminghaus im Zusammenhang mit den Erscheinungsbildern der Störung an die Möglichkeiten der "Vererbung und Degeneration"

1890 verfasst der Leipziger Psychologe und Philosoph Ludwig Strümpell ein System der "Pädagogischen Pathologie oder die Lehre von den Fehlern der Kinder". Strümpell bezeichnet Unruhe und Unaufmerksamkeit als "konstitutionelle Charakterfehler"

1902 beobachtet der englische Kinderarzt George Frederick Still Kinder mit "Defects in Moral Control” (= “Defekte der moralischen Kontrolle") Er beschreibt “eine anormale Unfähigkeit zur ausdauernden Aufmerksamkeit bei normaler Intelligenz”

1908 schreibt der Berliner Kinderarzt Prof. Adalbert Czerny seine vielbeachteten Vorlesungen vom "Arzt als Erzieher der Kindes". Er spricht von Merkmalen wie "Großer Bewegungsdrang, mangelnde Ausdauer im Spiel und bei jeder Beschäftigung, Unfolgsamkeit und mangelnde Konzentrationsfähigkeit der Aufmerksamkeit beim Unterricht." Für Czerny zählen diese Merkmale zu einer "neuropathischen Konstitution", diese Kinder gelten für ihn als "schwer erziehbar."

1926 erkennen - unabhängig voneinander - der als Begründer der modernen Kinderpsychiatrie angesehene Arzt August Homburger und der Karlsruher Pädiater Franz Lust, Zusammenhänge zwischen den physischen, psychischen und sozialen Problemen, der als unruhig und unkonzentriert geltenden Kinder. Beide erklären die Symptomatiken wie z.B. die "erhöhte Erregbarkeit, starke Ablenkbarkeit, ein ruheloses Abwechslungsbedürfnis und die deutlich verminderte Konzentrationsfähigkeit" als eine direkte Folge von “Reizüberflutung, falschen Erziehungsmethoden und übermäßiger, körperlich anstrengender Arbeit bei gleichzeitiger geistiger Unterforderung."

1933-1945 Während der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, welche in Deutschland und Österreich eine wissenschaftliche und kritische Diskussion über das Thema verhinderte, wurden die Erziehung und die Pädagogik gleichgeschaltet. Unruhige oder unaufmerksame "deutsche" Kinder sollten z.B. durch die Hitlerjugend wieder auf "Kurs" gebracht werden. Der Wiener Ordinarius für Kinderheilkunde Franz Hamburger forderte denn auch z.B. als oberstes Therapieziel ein "freudiges Gehorsam". Hierzu könne man den Eltern gar nicht oft genug raten "ihre Kinder vom elften Jahre an in die Hitler-Jugend zu geben. Die meisten Kinder verlieren ihre Neurosen, wenn sie den Betrieb in der HJ mitmachen !"

1937 berichtet der Amerikaner Dr. Charles Bradley im American Journal of Psychiatry über einen Zufallsbefund bei der Therapie verhaltensgestörter Kinder mit Benzedrin.
Dieses Amphetamin-Derivat war in den 30er Jahren ein weit verbreitetes Asthmamittel. Bradley vermochte es zwar nicht die "paradoxe"Reaktion seiner als "hyperaktiv" bezeichneten Patienten zu erklären, konnte aber die Tatsache als solche sehr überzeugend darstellen und schildern. Demnach gerieten die Patienten unmittelbar nach der Gabe des eigentlich anregend wirkenden Stimulans in "einen Zustand der Ruhe und Entspannung, jegliche Hyperaktivität und Nervosität glitt von ihnen ab..."

Um 1940 wird Methylphenidathydrochlorid (= Methylphenidat oder kurz MPH) als Variante des Alkaloids Piperidin - dem Grundstoff des Benzedrins - entdeckt und kurz darauf synthetisch hergestellt.
Die Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sind bei MPH geringer als beim Benzedrin. Es beginnt die systematische Erforschung von Stimulanzien wie MPH. Mit dem Eintritt der USA in den II. Weltkrieg wurde Methylphenidat auch für die Militärs interessant : Versprach man sich doch eine Motivations- und Leistungsteigerung bei den Soldaten. Besonders bei Kampffliegern und den Piloten von Langstreckenbombern soll MPH zur Anwendung gekommen sein um der Müdigkeit und den Konzentrationsschwächen vor allem bei Nachtflügen entgegenzuwirken.

Ab 1950 erscheinen in verschiedenen US-Fachzeitschriften Artikel über eine als “MBD” (Minimal Brain Damage) bezeichnete Krankheit bei Kleinkindern, welche mit den heute als "ADHS-typisch" bezeichneten Symptomen einhergeht. Die Bezeichnung der Störung wechselt bis zur Mitte der 60er Jahre mehrfach : So tauchen Beschreibungen mit dem Namen Minimal Cerebal Dysfunction bzw. Disorder auf. Grundsätzlich ging man von einer "minimalen Hirnschädigung" als Auslöser für die Hyperaktivität aus. Als mögliche Ursachen für die Schäden wurden Risiken und Komplikationen während der Schwangerschaft bzw. bei der Geburt angenommen. (Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum während der Schwangerschaft, Früh- bzw. Mehrlingsgeburten, Sauerstoffmangel während der Geburt, Saugglocken- oder Zangengeburten, etc.) Obwohl die Schädigungen des Gehirns bei diesen Kindern nie eindeutig nachgewiesen werden konnten, hielt sich die These bis weit in die 80er Jahre und wird zum Teil auch heute wieder als mögliche Ursache der ADHS diskutiert.

1956 wird Methylphenidat unter dem Markennamen Ritalin® als Medikament zugelassen und auf den Markt gebracht.
Zunächst nur zur Behandlung der Narkolepsie vorgesehen, wird es seit etwa 1970 auch offiziell zur Behandlung des "Hyperkinetischen Syndroms" eingesetzt. Es entbrennt ein zum Teil sehr heftig geführter Streit nach der Verantwortlichkeit einer Stimulantien-Therapie bei ADHS-Kindern, welcher bis heute noch immer andauert.

Um 1970 tauchte der Begriff ADHD bzw. ADHS erstmals in der Fachliteratur auf und ersetzt nach und nach den Begriff "Hyperkinetisches Syndrom".
Die hypoaktive Form wird nun ebenfalls der Störung zugeschrieben. Noch spricht man allerdings von der "weiblichen Form" der Krankheit, da vorwiegend Mädchen diese Variante zeigen.

Ab 1980 widmet man sich vermehrt dem Verlauf der Krankheit.
Ging man bis dato davon aus, sie "verwachse" bzw. verliere sich nach der Pubertät, wird immer deutlicher, das dieses nicht der Fall ist : ADHS ist auch im Erwachsenenalter noch vorhanden. Im Allgemeinen hat der erwachsene Patient im Laufe seiner Entwicklung jedoch gelernt, mit den Auswirkungen der Störung besser umgehen zu können bzw. diese zu verstecken.

Seit etwa 1990 ist der Begriff der Aufmerksamkeits- Defizit und Hyperaktivitäts- Störung auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt und zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen geworden.
Die Behandlung von ADHS-Kindern mit MPH steht dabei im Vordergrund und ist Gegenstand der Debatten, da die Ursache der ADHS noch immer nicht zweifelsfrei geklärt ist und die Diagnose im Wesentlichen auf Auswertungen von Fragebögen gemäß der DSM-Diagnose-Kriterien beruht.

Um 2000 werden “bildgebende Verfahren” zur Diagnose der Störung - zumindest auf Forschungsebene - eingesetzt. Mit Hilfe von Magnet-Resonanz-Tomographen und anderen High-Tech-Methoden werden immer tiefere Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns möglich. Es dürfte so nur nur einige wenige Jahre dauern, bis eine Möglichkeit gefunden wird, auf diesem Wege die ADHS zweifelsfrei zu diagnostizieren und nachweisen zu können. Somit könnten unter Umständen besonders die pharmakologischen Therapiemöglichkeiten effektiver und gezielter eingesetzt werden.

[Quelle: www.alles-doch-halb-so-schlimm.de]